Nordkalottleden – Von Tornehamn bis zur Pålnostuga

Endlich Wochenende und das heißt für mich: Wanderstiefel schnüren und ab in die Wildnis. Vor mir liegt ein kleiner Abschnitt des Nordkalottled. Der Wanderweg führt auf insgesamt 800 Kilometern von Norwegen über Schweden nach Finnland. Ich fahre mit meinem Wohnmobil in Richtung der Grenze zu Norwegen. Bei Tornehamn parke ich mein Mobil, obwohl es noch nicht der Start des Nordkalottled ist. Von hier aus geht es vier Kilometer parallel zur Autobahn auf dem Rallaväg. Am Ende der ersten Etappe kreuzt der Weg die Autobahn und an dieser Stelle beginnt das Miniabenteuer. Ich quere die Straße, die zum Großteil von Wohnmobilen und LKW’s befahren wird. Direkt auf der anderen Seite führt der Weg in einen niedrigen Birkenwald. Ein hölzernes Schild mit einem weißen Pfeil zeigt mitten in das Dickicht. Nur ein Weg ist hier nicht zu sehen. Aber das Schild muss Recht haben und so gehe ich in den Wald, auf der Suche nach dem Pfad. Eine Kaugummidose zeugt davon, dass hier einmal Menschen auf der Suche nach dem rechten Weg waren. Als der Wald lichter wird, entdecke ich einige Erhebungen, auf denen die Silhouetten von Steinhäufchen sichtbar werden. Dort muss er sein, der Weg. Doch als ich die Steinhaufen nach einer Odyssee durch matschige Sümpfe und Gestrüpp erreiche, offenbart sich auch hier kein Pfad. Ich hole meine Karte raus, denn von hier oben kann ich das Gelände gut einsehen. Die Karte sagt mir schadenfroh, dass ich auf dem falschen Pfad bin. Mir bleibt nichts anderes übrig, als zurück zur Straße zu gehen. Hier musste ich falsch abgebogen sein.

Ich erreiche einen Skoterled. Wenn ich ihm folge, bringt er mich direkt zum Beginn des Nordkalottled. Die Entfernung ist nicht groß. Das Problem an dieser Entscheidung besteht darin, dass ein Skoterled für die winterlichen Aktivitäten mit Schneemobilen ausgelegt ist. Es kommt, wie es kommen muss: Ich stehe vor einem nicht allzu kleinen See und erblicke auf der anderen Seite das rote Kreuz, welches den Skoterled markiert. Da ich nicht in der Lage bin, den See trockenen Fußes zu überqueren, kämpfe ich mich erneut zur Autobahn durch. Ich entscheide mich dafür, an der Straße entlangzulaufen, bis ich endlich den Beginn des Nordkalottled erreiche. Hallo Mini-Abenteuer. Ich komme.

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Einsame Seen,lückige Wälder und fantastische Berge

Von hier aus sind es acht Kilometer bis zur ersten Hütte. Der Weg bringt mich zu Beginn auf sanfte Erhebungen. Immer wieder eröffnen sich atemberaubende Blicke. Direkt vor mir liegt die Wildnis der Berge. Keine Straßen durchqueren dieses Gebiet. Bis auf einige Sami-Völker lebt dort kein Mensch. An diesem Tag zeigt sich die Schroffheit der Natur in voller Bandbreite. Im extremen Wind versuche ich an den exponierten Stellen die Balance zu halten. Immer wieder breiten sich dunkle Schnee- und Regenvorhänge am Himmel aus. Nachdem ich die erste Erhebung hinter mich gebracht habe, geht es hinab ins Tal. Der gesamte Weg wird mich über Geröllfelder, durch dichte Wälder mit saftig grünen Farnen und durch nasse Moore führen. Die Vielfalt der Landschaft scheint an diesem Ort keine Grenzen zu kennen.

Immer wieder versperren umgefallene Birken den Weg. Totholz ist in diesen unberührten Wäldern keine Seltenheit. Das Leben, das die toten Bäume bewirken, darf ich an diesem Tag mit eigenen Augen sehen. Ich vernehme ein lautes zwitschern und versuche, dem Klang nachzugehen. Schnell entdecke ich die Quelle dieser Töne: Ein Dreizehenspecht-Pärchen hat sich in eine Höhle niedergelassen und ist eifrig dabei, ihre qietschenden Jungen zu versorgen. Männchen und Weibchen teilen sich die Arbeit. Ich erspähe das Männchen mit dem gelben Scheitel. So flink wie es kam, ist es wieder davon gezogen. Also suche ich mir einen geschützten Platz, an dem ich mich niederlasse. Nun beginnt das Warten auf den perfekten Moment. Ein gutes Foto benötigt eben seine Zeit und hier hat sich das Warten definitiv gelohnt. Das Weibchen mit dem schwarz-weißen Kopfscheitel zeigt sich mit dem Schnabel voller Futter. Sie hat mich entdeckt und weiß nicht, wie sie mit dieser ungewohnten Situation umgehen soll. Aufgeregt fliegt sie von Ast zu Ast. Doch dann scheint es, als ob sie meine Anwesenheit nicht weiter stört. Unbeeindruckt fliegt sie zum Eingang der Höhle, um ihre zwitschernden Jungen zu füttern. Ein magischer Moment.

Ich ziehe weiter, denn es liegen noch immer einige Kilometer vor mir. Die dunklen Wolken im Rücken spornen mich an, meine Geschwindigkeit zu erhöhen. Das Gelände wird zunehmend schroffer. Ich muss immer wieder Klettereinlagen praktizieren, um auf die Felsen zu gelangen. Die Anstrengung lässt meine Beine müde werden. Ein kurzer Blick in den Himmel verrät mir, dass das Wetter immer schlechter wird. Gleichzeitig werde ich Zeuge einer weiteren Sensation. Eine Sperbereule beäugt mich von einem toten Stamm aus. Ich packe meine Kamera aus und schieße ein Foto nach dem anderen. Während ich weiter gehe, um die Eule aus anderen Perspektiven einzufangen, beginnt sie mit zeternden Tönen auf sich aufmerksam zu machen. Ein unglaublicher Zufall verrät mir den Grund ihres Aufruhrs: Im Geäst sitzen ihre Ästlinge, die mich mit großen Augen anstarren. Ich nähere mich ihnen in Zeitlupengeschwindigkeit. Sie sitzen vollkommen eingefroren auf ihrem Ast. Ihr gesperbertes Gefieder macht sie unsichtbar in den Wäldern. Meinen Adleraugen und meinem Objektiv konnten sie nicht entgehen.

Beeindruckt von diesen Erlebnissen mache ich mich auf zur letzten Etappe, die mich am Steilufer des Torneträsk entlang führt. Der Weg fordert nun meine gesamte Geschicklichkeit. Ein falscher Tritt und ich würde den Steilhang hinab durch das Gestrüpp purzeln, bis mich der See auffängt. Schritt für Schritt taste ich mich vor, bis sich der Steilhang in ein flaches Ufer verändert. Von hier aus geht ein großer Teil des Weges über Holzbohlen. Ich stolpere fast über den sterblichen Überrest eines Rentieres. Mitten auf dem Weg liegt das Bein eines kürzlich verendeten Tieres. Die Oberschenkelknochen sich erkennbar. Der Unterschenkel ist von Haut und Fell ummantelt. Ich möchte mir nicht vorstellen, was der Grund für diesen Fund gewesen sein mag. Als ich weiter gehe, erblicke ich im Dickicht den Schädelknochen eines Elches. Er trägt nur noch das rechte Geweih. Ich dokumentiere diesen Fund mit einem Foto und mache mich auf zur Pålnostuga.

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Elchschädel

Die Besucher vor mir haben leider kein Holz hinterlassen. Sämtliche Vorräte sind aufgebraucht und ich begebe mich erneut in den Wald, um Feuerholz zu besorgen. Die letzten Tage waren äußerst regenreich und meine Hoffnung auf trockenes Holz schwindet nach kurzer Suche. Ich probiere es dennoch mit einem Birkenstamm, den ich mit letzter Muskelkraft in fünf Teile zerhacke. Birkenrinde erweist sich als wahres Hilfsmittel zum Anzünden eines Feuers. Doch sämtliches Holz ist so durchnässt, dass die Flammen nicht von der Birkenrinde übergreifen. Nach drei Stunden gebe ich auf und entscheide mich dazu, mein Abendessen kalt zu verzehren. Auf der Speisekarte steht eine Tomatensuppe mit weißen Bohnen, verfeinert mit fünf Stängeln Huflattich und einer Hand voll Frauenmantelblätter. Als Dessert serviere ich (mir) einen Sekt mit einer Note von Mädesüß. Auch ohne Feuer ein Festmahl. Ich lege mich zufrieden und gesättigt in eines der Betten und schlafe nach kurzer Zeit ein.

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Regenfronten ziehen auf

Nach einer erholsamen Nacht in der Wildnis starte ich am nächsten Tag erneut einen Versuch des Feuermachens. Immerhin hatte das Holz etwas Zeit zum Trocknen und ich möchte meinen Tag mit einem tropischen Müsli und einem frischen Kaffee beginnen. Aber es ist hoffnungslos. Das Holz zischt und glüht, aber es entflammt nicht. Also gibt es Müsli mit kaltem Seewasser und einen kalten Auszug aus schwedischem Kochkaffee. Dieses Produkt trägt nicht umsonst den Namen „Kochkaffee“, denn es möchte nur zu gerne gekocht werden. Da ich nicht die Möglichkeit hierzu habe, trinke ich ein getrübtes Wasser mit einem Aroma, das nur in entferntester Weise an Kaffee erinnert. Trotz des nicht ganz gelungenen Frühstücks bin ich bester Laune, denn die Natur zeigt sich mir heute von ihrer besten Seite. Die Sonne strahlt vom Himmel. Ich setze mich vor die Hütte und genieße den Ausblick. Und mit einem Mal ist er da. Dieser eine Moment. Der Augenblick, in dem das Gehirn vollständig ausschaltet. Ich denke nichts mehr. Ein Gefühl von Freiheit und Unbeschwertheit macht sich in mir breit. Es ist, als ob ein Knoten geplatzt ist. Ich fühle mich mit der Natur verbunden und das scheint die Natur zu spüren. In den Birken hüpft ein Trauerschnäpper umher, der mich intensiv begutachtet.

Ich packe meine Sachen zusammen, um mich auf den Rückweg zu begeben. Die Sonne gibt mir Energie. Heute ist der Weg deutlich angenehmer, als gestern. Obwohl sich das Gelände nicht geändert hat. Ich genieße die beeindruckende Landschaft aus der anderen Perspektive. Immer wieder blicke ich sehnsüchtig zurück in die Berge. Zu gerne wäre ich einfach weiter gewandert. Jetzt naht schon das Ende meines kurzen Ausfluges, doch vorher musste ich erst die zahlreichen Geröllfelder, Kletterpartien und Sümpfe bewältigen. Ein Raufußbussard begleitet mich. Er macht mir mit seinem Geschrei deutlich, dass ich hier nicht erwünscht bin. Meine erste Pause mache ich an einem rauschenden Fluss. Ich muss ihn über eine stählerne Hängebrücke überwinden. Die Brücke macht nicht mehr den besten Eindruck, sind doch viele der Schrauben schon sehr stark gerostet. Würden die Schrauben brechen, stürze ich mitsamt meiner Ausrüstung in das Wasser. Die Strömung würde mich mitreißen und gegen einen der Felsen stoßen. Die Natur würde mich wie mit einem kleinen Finger zerdrücken. Gott sei Dank, die Brücke hält. Und ich begebe mich auf den letzten Teil meiner Rückreise. Am Parkplatz wartet schon mein Auto.

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