Balberget Naturreservat – Wo sich Süd und Nord treffen

Ein lauter Schrei entwich ihr aus der Kehle. Sie wurde von etwas umgehauen und lag auf dem felsigen Untergrund, neben ihr ging die Steilwand hinab in die Tiefe. Ein Knirschen drang in ihr Ohr. In der gleichen Sekunde spürte sie einen stechenden Schmerz an ihrem Hinterkopf. In diesem Moment waren ihre Gedanken wie weggeblasen. Ein einziger Gedanke trieb ihr durch den Kopf. Es war der Gedanke an den Tod, der ihr bevorstehen würde.

Mein Gefährt holpert über einen unebenen Waldweg mitten durch den Fichtenwald. Aus dem Boden ragen Steine, die nicht selten die Größe eines Basketballs erreichen. Das Wohnmobil muss seine Geländegängigkeit unter Beweis stellen. Ich versuche die Piste im Schritttempo zu überwinden. Die zwei Kilometer von der Straße zum Parkplatz des Naturreservats Balberget in der Kommune Bjurholm dauern eine halbe Ewigkeit. Es geht steil bergauf, bis ich einen kleinen Rastplatz erreiche. Von hier aus führt ein etwa ein Kilometer weiter Wanderweg hinauf zum Gipfel. Das Naturreservat ist geprägt von äußerst unterschiedlichen Biotopen. Auf meiner Wanderung komme ich an Feuchtbiotopen vorbei, in denen sich das Grundwasser extrem nahe an der Oberfläche bewegt. In diesen Lebensräumen wachsen Arten, die eine hohe Bodenfeuchte benötigen. Hier teilen sich eine Orchidee mit dem wunderschönen schwedischen Namen Jungfru Marie nycklar (Dactylorhizza maculata) den Lebensraum mit der Zweiblättrigen Waldhyazinthe (Platanthera bifolia). Ich steige mitten durch die Geröllfelder auf, dessen Felsbrocken von den verschiedensten Flechten besiedelt werden. Neben krustenartig wachsenden Landkartenflechten, die sich wie ein Teppich auf der Steinoberfläche ausbreiten, wachsen becherförmige Strukturen von Cladonien. Ihre Fruchtkörper erinnern an winzige Trompeten, die in die Höhe ragen. Je höher ich komme, desto trockener und felsiger wird der Untergrund. Die Erde ist sehr dünn. In diesem Lebensraum fühlen sich Fichten besonders wohl. Auf dem Gipfel wachsen die Bäume nur sehr langsam. Der Unterwuchs wird geprägt durch Heidekräuter, Krähenbeeren, Preiselbeeren und Bärentrauben. Rauschbeeren und Blaubeeren wachsen in den Senken, die feuchtere Bodenbedingungen bieten. Auf diesem mageren Untergrund fühlt sich die Alpen-Rentierflechte (Cladonia stellaris) besonders wohl. Ihr kissenartiger Wuchs überzieht große Flächen. Die Flechte stellt eine wertvolle Nahrungsquelle für Rentiere dar. In vergangenen Zeiten verteilten die schwedischen Landsleute diese Flechte in den Zwischenräumen der Fenster. Sie waren nicht nur äußerst dekorativ, sondern entzogen dem kalten Luftstrom die Feuchtigkeit. Bemerkenswert in diesem Naturreservat sind die unterschiedlichen Mikrohabitate, die sowohl südlich als auch nördlich verbreiteten Arten einen Lebensraum bieten. In diesen Höhenlagen wächst die Alpen-Lichtnelke (Silene suecica). Ich erreiche den Gipfel und genieße einen grandiosen Ausblick über die endlosen Wälder Västerbottens.

 

Ein kühler Wind weht durch das Zimmer. Sie liegt in ihrem Krankenhausbett und wird von unvorstellbaren Schmerzen geplagt. Ihr gesamter Kopf ist mit Mullbinden umwickelt. Ihre Augen sind von blauen Ringen umsäumt. Bei jeder Bewegungen verzieht sich ihr Gesicht vor Schmerzen, die von den unzähligen Wunden auf ihrem Rücken ausgehen. Sie erzählt von den Geschehnissen an diesem Septembertag, als würde sie alles noch einmal durchleben.

Ich bereite mich auf den Abstieg vor, denn unterhalb des Steilhangs wartet ein zweiter Wanderpfad auf eine Entdeckungstour. Es geht vorbei an Quellen, die im Frühjahr und Sommer von einer reichhaltigen Flora dekoriert werden. Das austretende Wasser schwemmt Mineralien aus dem felsigen Untergrund aus und sorgt für eine spezielle Artzusammensetzung aus Alpen-Milchlattich (Cicerbita alpina), Torfveilchen (Viola epipsila) und Sumpf-Weidenröschen (Epilobium palustre). Nach kurzer Zeit erreiche ich die Schutthalden (Schwedisch: rasbrant oder talusbrant). Diese Geröllfelder sind entstanden, als das Wasser in kleine Risse im Fels eindrang und gefror. Es dehnte sich aus und sprengte die Felsen. Die großen Felsbrocken rasten den Steilhang hinab und kamen erst in flacheren Bereichen zum Stillstand, während sich kleinere Steine und Schotter am Fuß des Bergabhangs sammelten. Da es auf den Geröllfeldern keine Erde gibt, können Bäume und Sträucher nicht wurzeln. Die Umgebung scheint auf den ersten Blick sehr karg. Beim näheren Hinschauen zeigt sich eine vielfältige Flora, die durch die übermäßige Sonneneinstrahlung in dieser Lücke zwischen Berg und Wald und die daraus resultierende Wärme entstanden ist. Die Felsen speichern die Wärme, wodurch die Gefahr von Nachtfrösten minimiert wird. Gleichzeitig sorgt die gespeicherte Wärme dafür, dass sich die Wachstumssaison der Pflanzen verlängert. Das führt dazu, dass sich hier Arten etablieren, deren Verbreitungsgebiet normalerweise südlicher liegt. An diesen Lebensraum ist der Gewöhnliche Tüpfelfarn (Polypodium vulgare) perfekt angepasst.

 

Dieser Tag im September 2014 begann für die 32jährige als ein völlig gewöhnlicher Arbeitstag. Sie machte sich mit ihrem Wagen auf dem Weg zum Parkplatz des Naturreservats, um von hier aus zu den südlichen Steilhängen zu wandern. Sie kletterte durch das felsige Gebiet und bewegte sich mitten in den steil abfallenden Berghängen auf kleinen Plateaus voran. Im Auftrag von Holmens Skog führte sie eine Inventarisierung durch mit dem Ziel, den naturschutzfachlichen Wert des Gebiets festzustellen. Um kurz vor 14 Uhr beendete sie ihre Arbeit und bereitete sich auf den Rückweg vor.

An diesem Tag im Oktober 2018 schickte die Sonne ein letztes Mal ihre warmen Strahlen zur Erde. Es ist ungewöhnlich warm für diese Jahreszeit. Der tiefe Sonnenstand erzeugt eine abendliche Stimmung. Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass es erst kurz nach 14 Uhr ist. Ich erreiche den berühmten Haselstrauch. Diese Hasel ist die am nördlichsten wachsende Hasel. Sie gilt als ein Relikt der postglazialen Wärmeperiode vor etwa 2.500 bis 8.500 Jahren, als das nördliche Verbreitungsgebiet der Hasel von einer Linie zwischen Umea-Östersund-Mora begrenzt wurde. Haseln verbreiten sich mithilfe ihrer befruchteten Nüsse. Sie befruchten sich nicht selbst und benötigen zwingend einen Partner, um Samen bilden zu können. Da es in dem Naturreservat nur diesen einen Strauch gibt, werden die Blüten nicht befruchtet. Der Strauch bildet ausschließlich samenlose Nüsse. Ein Überlebenskünstler, der diese besondere Nische besetzt hat. Ich drehe um und wandere zurück zum Parkplatz. Auf dem Rückweg überkommt mich ein mulmiges Gefühl. Die Sonne sinkt immer tiefer am Horizont, den ich durch das Dickicht der Bäume nur erahnen kann. Plötzlich kracht es im Gebüsch. Etwas bewegt sich oberhalb des Pfades in den Steilhängen. Laub raschelt, Äste knacken und ich bleibe wie erstarrt stehen.

Direkt unter ihr erspähte sie zwei junge Bären, die etwa 20 Meter von ihr entfernt den Steilhang hinauf sprangen. Sie machten einen verstörten Eindruck, als würden sie vor etwas davon flüchten. Ohne von ihr eine Notiz zu nehmen, verschwanden sie oberhalb im Dickicht der Wälder. Kurz darauf sprang ein dritter Bär aus dem Wald. Sein Blick fiel auf die 32jährige. Ohne zu zögern stürzte sich der Bär auf sie. Ihre lauten Schreie schreckten ihn nicht ab. Er schlug sie mit einem kräftigen Hieb zu Boden und biss ihr in den Hinterkopf. Sie hatte Todesangst und fasste zugleich den Entschluss, nicht kampflos diese Welt zu verlassen. Mit letzter Kraft drehte sie sich auf den Rücken und schlug mit großem Geschrei um sich. So plötzlich wie der Angriff begonnen hatte, so schnell war er auch wieder vorbei und der Bär sprang davon und verschwand im Wald. Es wurde still.

In der Stille kann ich das Rascheln und Knacken noch deutlicher hören. Nach kurzer Suche entdecke ich den Verursacher dieser beunruhigenden Geräusche. Es ist eine Amsel, die ausgiebig den Waldboden auf der Suche nach Nahrung durchforstet. Ich atme erleichtert auf und fühle mich gleichzeitig auf den Arm genommen. Die Gedanken an die Bärenattacke, die sich vor vier Jahren in diesen Steilhängen über mir ereignete, lösen Angstzustände aus. Obwohl die Bärenpopulation in Västerbotten steigt, sind Begegnungen zwischen Mensch und Bär selten. Angriffe erfolgen nicht ohne Grund. Im Falle der 32jährigen Naturkundlerin spielte der Zufall eine große Rolle. Sie war zur falschen Zeit am falschen Ort. Die drei Bären wurden aufgeschreckt. Sie befanden sich im Stresszustand und die Frau befand sich zu diesem unglücklichen Zeitpunkt mitten in der Laufbahn der Bären und fiel dem Größten unter ihnen zum Opfer. In solchen Momenten zeigt sich die Unberechenbarkeit der Natur mit dem Menschen als untergeordnetes Wesen.

IMG_1626
Ausblick über die Waldlandschaft Västerbottens | © Christine Riel

Hinweis: Dieser Blogeintrag enthält dramatisierte Schilderungen, die auf wahren Begebenheiten basieren. Die schwedische Zeitung Arbetet berichtete über den Vorfall. Er kann Werbung und Verlinkungen zu anderen Blogs oder Unternehmen enthalten, ohne dass eine Bezahlung seitens dieser erfolgte.

search previous next tag category expand menu location phone mail time cart zoom edit close