Halloween-Grusel: „Weiß wie Milch – Rot wie Blut“

Er findet eine verstaubte, rostige Dose neben einem Blumenstrauß aus Plastikblumen. Die Dose hatte ihre besten Jahre hinter sich. Darin befand sich ein zusammengefaltetes Papier. Es war feucht und stellenweise von einem grünen Schleier aus Schimmel überzogen. Rostbraune Sprenkel zogen sich wie flechtenartige Gebilde auf der Oberfläche eines Steins über das Papier. Er nahm es behutsam aus der Dose heraus und versuchte es zu entfalten. In zittrigen Buchstaben stand darauf geschrieben: Befrielsen ska komma – Die Erlösung möge kommen. Als er über die Bedeutung dieser Worte nachdachte, fegte ein heftiger Windstoß durch den Raum. Die alte Tür flog auf und mit einem scheppernden Geräusch fiel die Dose auf den Boden. Beim Versuch die aufzuheben stieß er einen schockierten Laut aus und wich zurück. Eine dickflüssige Soße in tiefroter Färbung ergoss sich aus der Dosenöffnung über den Boden.

Dose
Geheimnis | © Christine Riel

Sara Lovisa saß auf ihrem hölzernen Stuhl und blickte mit ihren müden Augen in den kleinen verstaubten Spiegel auf dem Tischchen. Die Wände sind übersät von eingetrockneten Spritzern. Verkrustete Reste einer Flüssigkeit sind an den Rändern des Abflusses im Boden erkennbar. Darüber hängt eine Apparatur aus den 50er Jahren, die zum Melken von Kuhmilch eingesetzt wurde. Es gab keinen Ausweg mehr für sie. Bald sollte ihr Kind zur Welt kommen, doch es wird seine Mutter nie kennen lernen. Ihre Hände waren von tiefen Wunden übersät. Sie streicht sich mit zitternden Händen über den Bauch. Ein Schluchzen entweicht ihrer Kehle und sie beginnt zu Weinen. Die schwere Holztür schlägt auf und sie schreit, als wüsste sie, was ihr bevorsteht.

Frauenzimmer
Frauenzimmer | © Christine Riel

Der Tag, an dem sich die Detektive aufmachen zum alten Anweisen am Vithatten, ist kalt und trüb. Eine dicke Schneedecke bedeckt den kleinen Weg, der sich durch die immer dichter werdenden Wälder schlängelt. Das Auto ruckelt bei jedem Stein, den die Räder überwinden. Eine seltsame Stimmung herrscht auf dem alten Hof. Fackeln reihen sich nebeneinander auf und führen vom Wohnhaus zu einer Scheune. Dort angekommen, erwartet sie ein makaberes Bild. Von einem der spinnwebenüberzogenen Balken in der oberen Etage hängt eine eiserne Kette herab. Direkt daneben prangt ein rostiger Haken, der Assoziationen an ein Schlachthaus aufkommen lässt. Werkzeuge mit blutigen Resten liegen auf dem Boden verteilt.

Die alte Dose geht ihm nicht mehr aus dem Kopf. Er möchte unbedingt wissen, welche Geschichte dahinter steckt. Was hatte der Satz nur zu bedeuten? Er beschloss, ein weiteres Mal nach Vithatten zu fahren. Möglicherweise ist er einem Verbrechen auf der Spur. Dort angekommen, überfällt ihn erneut dieses seltsame Gefühl, das er bereits bei seinem ersten zufälligen Besuch übermannte. Damals konnte er es noch nicht deuten, doch jetzt wird es stärker und heftiger. Er nähert sich dem alten Haus, doch er fühlt sich beobachtet. Plötzlich sieht er in einem der Fenster Augen leuchten. Sie starren ihn an, doch er kann keine menschliche Gestalt erkennen. Der Innenraum ist zu dunkel. Er bleibt stehen und versucht, einen klaren Kopf zu bewahren. Die Augen schließen und tief durchatmen – denkt er sich. Als er die Augen wieder öffnet, ist das Fenster leer. Er geht weiter den Pfad entlang, der von Fackeln gesäumt wird. Als er die Scheune erreicht, kommt Rauch aus dem Fenster. Er hört ein Knistern und sieht durch die Spalten im Holz, wie die Flammen eines Feuers wild züngeln.

Wohnhaus
Haus des Grauens | © Johannes Hansen

Etwas packt Sara Lovisa an den Haaren und reißt sie mit sich. Während sie durch die Scheune gezogen wird, schleift ihr Körper auf dem kalten Betonboden entlang. Sie kann im dunklen Scheunenlicht kaum etwas erkennen. Nur den Schatten eines Werkzeugs nimmt sie wahr, dessen Formen sich bis zum Ende des Raumes hinziehen. Auf den Regalen an der Wand stehen braune Flaschen in Reih und Glied. Sie weiß genau, was sich darin befindet. Es ist Milch. Menschenmilch. Das Monster wirft sie über die Schulter und steigt eine Leiter empor. Oben am Dachbalken baumelt ein Strick herab, dessen Ende zu einer Schlinge verknotet wurde. Am Ende des Dachbodens stößt es mit einem heftigen Fußtritt eine Holztür auf und wirft den Körper der Frau wie einen Sack voller Kartoffeln hinein. Das Monster atmet heftig, als es sich mit kurzen Schritten der auf dem Boden liegenden Frau nähert.

Strick
Todesstrick | © Johannes Hansen

Eine morsche Holzleiter führt auf den Dachboden der Scheune. Das dunkle Licht an der Decke erschwert die Sicht. Die Detektive klettern über Holzbohlen und Latten, die sorgfältig aufgereiht auf dem Boden liegen. Am anderen Ende steht ein seltsames Kunstwerk. Ein alter Fensterrahmen steht auf einer Holzpalette. Im Rahmen steht eine fein säuberlich aufgestellte Axt. Das Arrangement wirft einen Schatten, der auf eine leicht geöffnete Tür fällt. Sie ist gerade einmal hüfthoch und lässt sich nicht öffnen. Die Bohlen sind an den dahinter liegenden Balken festgenagelt. Mit einem Brecheisen versuchen die Detektive, die zugenagelte Tür zu öffnen. Nagel für Nagel löst sich aus dem Holz, bis sie die Tür öffnen können. Ein Bild des Grauens offenbart sich ihnen. Der Anblick gleicht einem Gemetzel. In der Ecke liegt der leblose Körper einer Frau. Er wird umringt von einer riesigen Blutlache. Ihre Bauchdecke ist geöffnet und gibt den Blick frei auf die blutverschmierten Innereien. Sie hält eine alte Blechdose fest mit den Fingern umschlossen in ihrer Hand. Aus dem Augenwinkel entdecken sie eine dunkle Silhouette, die vor dem staubigen Fenster baumelt. Es ist ein Säugling, der mit dem Bauch nach oben hängt. Der kleine Körper wird getragen von seiner eigenen Nabelschnur, die an der einen Seite am Bauch hängt und am anderen Ende an einem Haken in der Decke festgebunden ist. Mit einem eisigen Windzug knallt die Tür hinter den beiden zu. Jeder Versuch, sie zu öffnen, scheitert.

Kunstwerk Axt
Axtwerk | © Christine Riel

Hastig versucht er sich Zugang zu der Scheune zu verschaffen, um den Flammenherd zu löschen. Mit einer Mistgabel schlägt er die Scheibe ein und klettert hinein. Doch von dem Feuer ist weit und breit keine Spur mehr zu sehen. Er geht weiter durch die Scheune. Plötzlich hört er ein grelles Schreien, das in Mark und Knochen übergeht. Der Geruch von altem Bergkäse steigt ihm in die Nase, als er auf den Dachboden klettert. Am hinteren Ende entdeckt er eine Tür, die einen Spalt geöffnet ist. Er kniet sich vor die Tür und zieht vorsichtig an dem hölzernen Griff. Sie knarrt und knarzt, als er den Türflügel nach hinten schwingt. Mit der Tür fallen ihm die sterblichen Überreste zweier Menschen in den Schoß. In der hinteren Ecke liegt ein weiteres Skelett direkt neben einem winzigen Brustkorb.

Fenster
Trügerische Idylle | © Johannes Hansen

Seit 1935 steht das alte Anwesen am Vithatten leer. Seit Sara Lovisa Andersdotter mit ihrem neugeborenen Kind tot aufgefunden wurde, treiben Geister ihr Unwesen. Es sind die Geister der auf makabere Art und Weise verstorbenen Mutter und ihrem Kind. Sie mussten lange Winter alleine auf dem Hof mitten im Wald verbringen, denn ihr Mann Karl Jonas Gustafsson verdiente sein Geld als Holzfäller. Auf dem Hof gab es weder fließend Wasser noch Elektrizität. Sara Lovisa war in jenen Tagen völlig auf sich alleine gestellt. Keiner konnte ihre verzweifelten Schreie hören. Sie verstummten in den endlosen Wäldern. Noch heute sollen die Geister ihr Unwesen treiben. Sie versuchen mit allen Mitteln, die Aufmerksamkeit der ahnungslosen Besucher auf sich zu ziehen. Ein abenteuerlustiger Naturguide aus dem nahe gelegenen Svansele hat sich dem Anwesen angenommen. Hartgesottene können eine Nacht in dem alten Haus verbringen – inklusive Sauna, Holzwasserrutsche und beheiztem Außenpool. Es ist der Mann, der für den Bau eines überdimensionalen Elchs am Vithatten kämpft…

Hinweis: Dieser Blogbeitrag kann Werbung zu anderen Blogs oder Unternehmen enthalten, auch wenn keine Bezahlung seitens dieser erfolgte.

search previous next tag category expand menu location phone mail time cart zoom edit close