Futtern wie der Schnabel gewachsen ist

Teil 1 einer kleinen Archivserie: Die Beträge stammen aus einem uralten Blog, der im Jahr 2013 begonnen wurde.

Der Schnabel, welcher in der zoologischen Fachsprache auch liebevoll Rostrum genannt wird, ist ein aus Horn bestehender Zahnersatz. Vögel nutzen den Schnabel zum Abbeißen, Zerkleinern, Abreißen oder Aufbrechen der Nahrung. Darüber hinaus ist er ein wichtiges Werkzeug zur Körperpflege oder zum Nestbau. Manche Schnäbel haben eine auffällige Zeichnung, welche vermutlich Imponierfunktionen bei der Balz haben. Wie leicht zu erschließen ist, gibt es eine fast unendliche Palette an Schnabelformen und -größen.

Ein Blick in die Evolutionsgeschichte

Vögel haben einen ganz speziellen Fluchtmechanismus entwickelt. Wenn Gefahr droht, schwingen sie die Flügel und fliegen davon. Diese Entwicklung erlaubt ihnen ein offensichtliches umher spazieren in der Umgebung, was vor allem die Ornithologen erfreut. Der Vogel muss als flugfähiges Wesen verstanden werden. Keine andere Art besitzt Federn und ist damit auch nicht zum aktiven Flug befähigt. Fliegen hat aber auch immer etwas mit Ergonomie zu tun. Der Vogelkörper muss nicht nur schmal sondern auch leicht sein, damit er sich in die Luft erheben kann.

Dieses Konzept wurde auch bei der Entwicklung der Mundwerkzeuge beibehalten. Vom Oberschädel geht der Oberkiefer aus. Er bildet die Grundlage für den Oberschnabel. Der Unterkiefer, der auch als Mandibel bezeichnet wird, bildet das Gerüst für den Unterschnabel. Die Schnabelscheiden sind messerscharf und ersparen den Tieren das Mitführen von schweren Zähnen. Der obere Schnabel kann nur in vertikaler Richtung bewegt werden. Diese Bewegung ermöglicht das biegsame Nasenbein. Der Unterschnabel kann dagegen in jede Richtung bewegt werden.

Die Schnäbel und ihre Funktionen

Im Folgenden werden die Schnabelformen anhand einiger Großgruppen betrachtet. Die Großgruppen fassen verschiedene Vogelarten zusammen, die in einem gemeinsamen Habitat vorkommen, gleiche Jagdstrukturen aufweisen, oder ähnliche Merkmale im Körperbau haben. Die Schnabelform gibt dem Ornithologen viele Aufschlüsse über die Lebensweise der Tiere.

Wasservögel

Die Wasservögel leben, wie der Name bereits sagt, am oder auf dem Wasser. Zu nennen sind hier die Enten, Flamingos, Brachvögel, Pelikane, Säbelschnäbler und natürlich auch Reiher und Taucher. Die Palette ist lang, es genügen jedoch einige wenige Beispiele. Wie sich bereits erahnen lässt, haben diese Vögel zahreiche spezielle Schnabelformen.

Enten haben einen flachen und sehr breiten Schnabel, während Pelikane einen Fangsack am Unterkiefer zur Nahrungsaufnahme nutzen (Abb.: Eintauchfangsackbenutzer). Die Enten nutzen ihren Schnabel zum Gründeln im Schlamm oder zum Absuchen der Wasseroberfläche (Abb.: Wasseroberflächenabsucher). Ihr Nahrungsangebot reicht von kleinen Insekten bis hin zu Pflanzen und Algen. Der Schnabel eignet sich optimal zum Durchwühlen – und natürlich zum Schnattern.

 

Auch die Schnäbel der Taucher und Eisvögel haben eine ähnliche Form. Diese ermöglicht ihnen eine karnivore Lebensweise. Sie sind Fleischfresser. Eisvögel haben einen dolchförmigen und kräftigen Schnabel, der recht spitz zu läuft (Abb.: Stoßtaucher). Dieses lange Fangwerkzeug nutzen die Vögel zum aktiven Jagen von Fischen. Unter den Eisvögeln gibt es darüber hinaus noch einige Spezialisten. Der Hakenliest hat einen zusätzlichen Haken an der Schnabelspitze. Damit spürt er seine Beute in der Erde auf.

Auch Taucher haben einen solchen Haken (Abb.: Fischverfolger). Sie jagen nach dem Stoßtauchprinzip. Dabei taucht der Jäger im Sturzflug in das Wasser ein und schnappt sich seine Beute. Der kräftige Schnabel zerquetscht die Fische sofort, sodass sie meist noch unter Wasser geschluckt werden. Der Pelikan hingegen hat einen auffällig großen Schnabel. Der Beobachter mag sich wundern, warum dieses schwerfällig anmutende Tier fliegen kann. Der Luftgehalt im Skelett macht es möglich. Der untere Schnabel bildet zwei Äste aus, zwischen denen sich ein dehnbarer Hautsack befindet. Der Oberschnabel dient als Verschluss des Fangsacks. Diese Form deutet auf die räuberische Lebensweise des Pelikans hin. Die Tiere jagen in seichten Gewässern und schließen sich oft in kleinere Gruppen zusammen. Sie jagen Fische, indem sie die Beute durch heftiges Flügelschlagen in Küstennähe treiben. Hier kann der Gejagte nur noch schwer flüchten. Der Pelikan hat es einfach und kann seine Beute mit dem Kehlsack einfach aus dem Wasser schöpfen. Eine grandiose Idee, die sich die Evolution ausdachte.

 

Das Mundwerkzeug eines Säbelschnäblers ist lang, dünn und nach oben gekrümmt (Abb.: Schlammstocherer). Diese Art ist in Deutschland äußerst selten. Sie brüten bevorzugt an Küstengebieten und sind mit viel Glück an der Nordseeküste anzutreffen. Bei der Nahrungssuche tauchen sie ihren Schnabel ins Wasser und suchen durch pendelförmige Bewegungen des Kopfes den Schlamm ab. Zu ihrer Nahrung gehören kleine Lebewesen, wie Insekten, Würmer, Kleinkrebse und Larven.

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Alpenstrandläufer | © Johannes Hansen

Der Große Brachvogel hat dagegen einen sehr langen, nach unten gebogenen Schnabel (Abb.: Stocherer). Er ist schon häufiger in ganz Deutschland anzutreffen. Sein Lebensraum erstreckt sich von Feuchtwiesen bis hin zu feuchten Heideflächen. Mit dem Schnabel stochern Brachvögel im Boden herum und erbeuten Insekten, Schnecken und Würmer. Auch, um die Schnecken aus ihrem Gehäuse zu picken eignet sich der Schnabel perfekt.

Jedem ist wohl die typische Schnabelform der Flamingos bekannt. Ihr Seihschnabel (Abb.: Filtrierer) ist mit speziellen Seitenlamellen ausgestattet. Die Flamingos filtrieren mit diesen Hornleisten feine Nahrungspartikel aus dem Wasser.

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Chilepelikan | © Johannes Hansen
Greifvögel

Greifvögel sind Raubvögel. Sie brauchen nicht nur einen extrem ausgeprägten Sehsinn, sondern auch unglaublich starke Mundwerkzeuge, die die Beute festhalten können. Die Greifvögel werden in zwei Untergruppen eingeteilt: die Habichtartigen und die Falkenartigen. Zu den Habichtartigen gehören Milan, Geier, Adler und natürlich Habichte.

Der abgebildete Schnabeltyp (Abb.: Fleischfresser) zeigt die allgemeine Form. Der kräftige Oberschnabel ist nach unten gekrümmt und liegt optimal auf dem Unterschnabel auf. Diese Form hat zwei Ausführungen, die sich in der Ausbildung des Reißhakens unterscheiden. Dieser Haken ist an der Seitenkante des Oberschnabels zu erkennen. Der Reißhaken-Schneideschnabel ist durch eine messerscharfe Kante gekennzeichnet. Schnappt das Tier zu, wird die Beute förmlich auseinander geschnitten. Der Reißhaken ist hier weniger deutlich ausgeprägt. Dagegen ist der Reißhaken-Beißschnabel zum Zerknacken schwerer Beute gedacht. Hier ist der Reißhaken spitz ausgebildet.

Der Geier ernährt sich von Aas und frisch toten Kadavern. Sein Schnabel ist ähnlich gebaut, wie der der Greifvögel (Abb.: Aasfresser). Allerdings ist er etwas kleiner, denn er ist kein aktiver Beutegreifer. Die Nahrung, die er findet, lässt er aus großer Höhe auf Klippen fallen. Dadurch zerschellen die Knochen, sodass das Tier seine Nahrung leichter aufnehmen kann. Mit einer speziellen Zunge kann er Knochenmark und Gehirnmasse auslecken. Die Falkenartigen haben ebenfalls einen kleineren Schnabel. Sie haben sich hauptsächlich auf das Jagen von kleineren Vögeln oder Nagetieren spezialisiert.

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Wespenbussard kurz vor dem Abflug | © Christine Riel
Eulen

Diese Raubvögel faszinieren den Menschen seit jeher. Sie heben sich nicht nur durch ihr Äußeres von anderen Vögeln ab, sondern auch durch ihr Verhalten. Eulen jagen hauptsächlich in der Nacht oder in der Dämmerung, denn die meisten von ihnen haben sich auf Beutetiere spezialisiert, die in der Dunkelheit aktiv sind. Auch sie haben einen Fleischfresserschnabel Ihre Jagdtechniken sind artspezifisch. Eulen der Wälder praktizieren eine Ansitzjagd, bei welcher sie an einem bestimmten Punkt auf Beute lauern. Leben sie bevorzugt in offenen Landschaften, gehen sie auf Pirschflug. Dabei erspähen oder hören sie ihre Beute, bevor sie zuschlagen. Schleiereulen bedienen sich der Technik des Pirschflugs, wobei sie bei schlechtem Wetter auf die Ansitzjagd übergehen.

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Schleiereule | © Christine Riel

Viele Eulen erweisen sich als äußerst geschickte Bodenjäger. Sie nutzen ihre kräftigen Klauen, um die Beute festzuhalten und durchzuwalken. Mit ihrem bogenförmigen und kräftigen Schnabel vollziehen sie einen Tötungsbiss.

 

Der Steinkauz optimiert seine Jagdmethode in Abhängigkeit vom Vegetationstyp. Bei niedrigem Bewuchs begibt er sich auf die Bodenjagd oder positioniert sich auf einem Stein oder Erdhügel. Hat er eine Maus oder einen Käfer im Visier, läuft oder hüpft er der Beute hinterher. Ist die Vegetation höher, nutzt er die Ansitzjagd. Seine Beute tötet er mit einem gezielten Biss in den Kopf.

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Steinkauz-Jungvogel hat eine Maus erbeutet | © Christine Riel
Sing- und Sperlingsvögel

Die Singvögel sind das zahlenmäßig größte Taxon unter den Vögeln. Die Arten fressen so ziemlich alles von Pflanzen und Samen über Insekten bis hin zu kleineren Käfern. Die Schwalbe zeichnet sich durch einen kleinen spitzen Schnabel aus (Abb.: Insektenfresser). Zu ihrer Beute zählen Insekten und Schmetterlinge. Sperlinge und Ammern haben einen vergleichsweise klobigen Schnabel (Abb.: Samenfresser). Er ist optimal konstruiert, um Samen aufzubrechen. Die Finkenvögel ernähren sich ebenfalls von Samen. Die Spitzen ihrer Schnäbel sind aber kreuzweise übereinander gelegt (Abb.: Koniferensamenfresser). Mit dieser Form können die Tiere eine enorme Kraft ausüben und sogar Kirschkerne aufknacken. Würger haben einen kräftigen Schnabel, der hakenförmig ausgezogen ist. Mit diesem erbeuten sie Insekten und Kleintiere. Die Beute wird oft aufgespießt und anschließend verzehrt. Tannenhäher gehören zur Gattung der Nussknacker. Man mag sich denken können, worauf sich ihre Schnäbel spezialisiert haben.

 

Rackenvögel

Die bunt gemischte Ordnung beinhaltet verschiedenste Vogelarten, die sich in ihrer Lebensweise nicht wirklich ähneln. Das einzige Merkmal, was sie teilen, sind die teilweise verwachsenen Zehen. Ein Vertreter dieser interessanten Ordnung ist der Scharlachspint. Er gehört zu den Bienenfressern und wie dieser Name vermuten lässt, frisst der Vogel hauptsächlich Bienen, Insekten oder Termiten. Er hat ähnlich wie insektenfressende Singvögel einen Insektenfresserschnabel, der sehr lang und schmal ausgeformt ist. Damit kann er die fliegende Beute gut festhalten. Sie wird entweder sofort verschlungen oder – falls sie sich mit einem Stachel wehrt – so lange geschüttelt, bis der Stachelb abfällt.

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Scharlachspint | © Christine Riel
Spechtvögel

Die Spechtvögel sind mehr oder weniger an das Leben an Baumstämmen und in Baumkronen angepasst. Doch nur die bekannten Spechte sind echte Kletterkünstler, denn sie haben einen kräftigen Schwanz, der ihnen als Stütze dient.

Ihr Schnabel ist zu einem spitzen Dolch ausgebildet (Abb.: Meißeler). Wer die Tiere einmal im Wald gehört hat, der weiß warum. Die Spechte haben eine ganz andere ökologische Nische für sich eingenommen. Sie durchstoßen mit ihrem Meißel die Baumrinde von morschen Bäumen und Ästen. Durch spezielle Stoßdämpfer in Skelett und Muskeln des Halses werden die Erschütterungen abgefangen. Am Oberschnabel ist das Stirnbein durch zusätzliche Knochen verstärkt. Der Schnabel selbst ist mit einer zusätzlichen Hornscheide versehen. Die lange Zunge dient dazu, die kleinen Insekten aus der Rinde herauszusaugen.

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Dreizehenspecht Weibchen füttert Jungvögel | © Christine Riel

Der Tukan zählt ebenfalls zu den Spechtvögeln. Charakteristisch ist der große und auffällig bunt gefärbte Schnabel (Abb.: Fruchtfresser). Über die Evolution dieser Riesenschnäbel sind sich die Forscher nicht einig. Tukane ernähren sich sehr vielseitig. Sie fressen Früchte und Samen, aber auch Insekten und sogar Fische. Doch für dieses Nahrungsspektrum ist der mächtige Schnabel eher hinderlich, sodass sich der Vogel spezielle Fresstechniken aneignen muss. Die Erklärung für die Entwicklung des Schnabels tendiert zur Signalfunktion. Die bunte Färbung soll Weibchen anlocken und fördert die Interaktion zwischen den Vögeln.

Nashornvögel

Trotz der ähnlichen Schnabelform gehört der Rotschnabeltoko nicht wie der Tukan zu den Spechtvögeln, sondern zu den Nashornvögeln. Auch dieser ernährt sich von Früchten.

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Rotschnabeltoko | © Christine Riel
Seglervögel

Die letzte zu untersuchende Gruppe beinhaltet die Familie der Kolibris. Sie ernähren sich in erster Linie von Blütennektar. Allerdings weisen sie keine einheitliche Schnabelform auf. Der Schwertschnabelkolibri hat einen Schnabel, der genauso lang ist, wie sein gesamter Körper. Kleinschnabelkolibris haben dagegen einen sehr kurzen Schnabel von nur wenigen Millimetern. Der Adlerschnabelkolibri hat die Schnabelform, die den meisten wohl bekannt ist. Er ist lang und nach unten gekrümmt (Abb.: Nektarfresser). Diese Formen sind optimal an bestimmte Blüten angepasst. Sie passen genau in den sogenannten Stilus des Fruchtblattes hinein. Dieses Gebilde ist besser bekannt ans Griffel, indem sich der süße Nektar befindet. Während sie den Saft aus den Blüten heraussaugen, scheinen sie in der Luft stehen zu bleiben. Das ist möglich durch den Schwirrflug. Kolibris schlagen ihre Flügel in einer rudernden Bewegung. Ihr geringes Körpergewicht macht es möglich, dass sie die Position in der Luft halten können.

Jeder ist anders

Auffällig ist, dass vor allem die Schnäbel der Wasservögel sehr unterschiedlich ausgebildet sind. Allerdings sind die hier beschriebenen Schnabelformen noch lange nicht vollständig. Es gibt zahlreiche Mischformen aus den vorgestellten Schnäbeln. Manche Formen sind unspezialisiert und bei anderen Vögeln ist die Entwicklung der Schnabelform noch unerforscht. Das Feld der Schnäbel ist weit und spannend. Hier gibt es noch jede Menge zu entdecken.

Vogelschnäbel | © L. Shyamal, Creative Commons Attribution-Share Alike 2.5 Generic

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