Drachenbäume im Schnee

Der schwedische Winter lässt nicht nur den Raum gefrieren sondern scheinbar auch die Zeit. Es ist still geworden in der Natur und nur die Spuren im Schnee deuten auf verborgenes Leben hin, das sich gegen die extremen Bedingungen wehrt. Immerhin steigt die Sonne von Tag zu Tag höher, doch das Thermometer scheint sich davon nicht beeindrucken zu lassen. An manchen Tagen sinkt es im Minutentakt. Die Momente, in denen das Quecksilber in der Röhre steigt und milde -15 Grad Celsius andeutet, sind selten geworden. Fast normal sind Temperaturen unter -20 Grad mit Tendenz in den dreißiger Bereich.

Mit geballter Faust schlägt er zu, der Winter. Autos versagen und dringliche Termine können nicht mehr wahrgenommen werden. Seit langem geplante Heimatbesuche werden mit einem Mal abgeblasen. Gefangene auf dem eigenen Grundstück, mitten im Nirgendwo. Die Schattenseiten des Auswanderns in ein nordisches Land zeigen sich.

 

Wie ist es möglich unter diesen Bedingungen zu leben, die uns die Natur vorgibt? Ohne den Schutz der eigenen vier Wände wären wir verloren. Feuer im Holzofen erwärmt das gesamte Haus. Gesellschaftsspiele, Kunsthandwerk und natürlich das Schreiben vertreiben die depressiven Gedanken, die unweigerlich durch die dominierende Dunkelheit aufkommen. In gewisser Weise sorgt der Winter für mehr Kreativität, obgleich der Geist träge wird.

Ein Drachenbaum in unserem Wohnzimmer trotzt allen Bedingungen. Die Grünpflanze scheint sich selbst an den schwankenden Temperaturen zwischen Tag und Nacht nicht weiter zu stören. Es genügt ihr vollkommen, wenn das Thermometer im Haus nachts auf 12 Grad Celsius absinkt. Am Tag darf sie wieder angenehme 22 Grad genießen.

 

Um diese botanische Besonderheit ragen sich einige Mythen und Legenden. Eine indische Legende erzählt von Zeiten, in denen sich Drachen und Elefanten feindlich gegenüberstanden. Nach einem unerbittlichen Kampf fielen beide zu Boden. Blut trat aus ihren Wunden aus und vermischte sich auf dem Boden. An dieser Stelle entstand der erste Drachenbaum, hervorgegangen aus dem Blut. Noch heute erinnert der Pflanzensaft an diese Legende, der sich an der Luft rot verfärbt.

Doch ganz so mystisch war die Entstehungsgeschichte des Drachenbaums wohl nicht. Das ursprüngliche Verbreitungsgebiet dieser artenreichen Gattung, die zur Familie der Spargelgewächse zählt, liegt vermutlich auf Mikronesien. Von hier aus eroberten die Arten die Welt und drangen bis nach Europa vor. Doch seit etwa 20 Millionen Jahren ist der Drachenbaum hier ausgestorben. Nur die Zimmerpflanzen haben überlebt.

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Vogelperspektive | © Christine Riel

Heute haben Drachenbäume eine ökologische Nische auf den Kanarischen Inseln und Madeira gefunden. Auf Teneriffa gibt es ein Exemplar, das jedes Jahr zahlreiche Besucher anlockt. Einer von ihnen ist der wanderbegeisterte Outdoorfan Jörg Thamer, der auf seinem Blog outdoorsuechtig.de von seiner Reise zu dem faszinierenden Gewächs berichtet. Und wenn Jörg diesen weiten Weg auf sich nimmt, dann muss es sich wirklich um ein kleines Highlight handeln. Der Wahl-Limburger nimmt seine Leser mit auf Reisen zu atemberaubend schönen Fleckchen.

Der Drachenbaum von Icod de los Vinos hat sich zum Wahrzeichen der Insel entwickelt. Die Einheimischen verehren den Baum nahezu, denn er soll bereits 1.000 Jahre alt sein. Botaniker schätzen die reich verzweigte Urgestalt jedoch etwas jünger ein. Sein wahres Alter liegt irgendwo zwischen 400 und 500 Jahren. Ganz so einfach lässt sich das nicht sagen, denn Drachenbäume entwickeln keine Baumringe. Ihr Stamm besteht aus den verholzten Blattscheiden, die sich netzartig überlappen. Die Altersbestimmung beruht auf einer Schätzung der Verzweigungen. Doch bis sich ein Baum verzweigt können zehn und mehr Jahre vergehen.

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Bewässerungseinheit | © Christine Riel

Von diesen Ausmaßen ist der kleine Drachenbaum in unserem Wohnzimmer noch weit entfernt. Einmal hat er sich bereits verzweigt, allerdings nicht aus eigenem Antrieb, sondern durch menschliches Zutun. Seine Verzweigung entstand, da ihm die Triebspitze abgeschnitten wurde. Mit seinen geschätzten acht bis zehn Jahren ist er ein echter Winzling. Ein bedeutungsloses Alter im Angesicht eines jahrhundertealten Drachenbaumriesen – ein Augenzwinkern. Doch der Winzling bringt ein klein wenig Kanarenfeeling in unser Wohnzimmer. Das macht den klirrend kalten Winter gleich viel angenehmer.

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Drachenbaum in voller Pracht | © Christine Riel

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