Trästock

Jedes Jahr im Juli lockt die Stadt Skellefteå zahlreiche Besucher an. Das Trästockfestivalen steht an und bietet Künstlern, Musikern, Poeten und Filmemachern einen Raum zur Verwirklichung. Hier ist jeder willkommen, der sich für die nordschwedische Kultur interessiert.

Wohnmobil – Basis des Seins

Inmitten einer idyllischen und kulturell bedeutsamen Umgebung findet jedes Jahr im Juli ein wahres Spektakel statt: das Trästockfestivalen. Durch Zufall haben wir diese Veranstaltung entdeckt und wegen der unbedeutsamen Entfernung von knapp 90 Kilometern steht schnell fest, dass auch wir zu den diesjährigen Besuchern zählen. Die Fahrt nach Skellefteå wird von einem mulmigen Gefühl begleitet, hatte mein Wohnmobil doch noch zwei Tage zuvor Probleme mit der Handbremse. Zu unserer Freude sind wir heil in der Großstadt angekommen und konnten uns auf die Suche nach einem Stellplatz begeben.

Einen offiziellen Platz zum Campen gibt es nicht, weswegen die Besucher entweder ins Hotel müssen oder mit einer mobilen Behausung anreisen sollten. Wieder einmal lerne ich mein geliebtes „Wohnibili“ zu schätzen. Aber selbst damit ist es in der Großstadt schwer, einen geeigneten Parkplatz zu finden. Nach einer kurzen Suche haben wir ein wunderbares Plätzchen am Ufer des Skellefteälven gefunden und wir sind nicht die einzigen Camper hier. Der Parkplatz entwickelt sich zum exklusiven Trästock-Camp. Direkt neben uns parkt ein aufgemotzer GMC Kellog-Van, dessen Bewohner offensichtlich der Hippie-Szene angehören. Auf der anderen Seite hat sich eine kleine Familie mit einem Wohnwagen niedergelassen.

Wegweiser zur Liebe

Von hier aus führt ein Weg direkt am Ufer entlang über Kies und Holzbohlen in Richtung Nordanå-Park, in dem das Festival stattfindet. Der Park gilt als idyllisches Ausflugsziel mit Naherholungsfunktion. Liebe liegt in der Luft und bestimmt die Festivalatmosphäre. Es ist zwar nicht ganz so wie damals beim originalen Woodstock, geht aber in eine ähnliche Richtung. Daher rührt auch der Name des Festivals, denn Trästock ist die schwedische Übersetzung für Woodstock. Auch das Gelände wurde nicht ohne Grund auserwählt. Das Trästockfestivalen ist der Nachfolger des ebenfalls kostenlosen Nordanåfesten, das zwischen 1974 und 1977 für musikalische Höhepunkte sorgte.

Weniger als 1.000 Meter trennen Festivalgelände und Parkplatz, sodass wir für das ein oder andere Bier den Ort wechseln können. Der Alkoholkonsum ist auf dem Gelände verboten, was sehr ernst genommen wird. Rabauken, die sich nicht dran halten, werden freundlich von Polizei oder Ordnungswacht vom Gelände gebeten. Die Vorschriften gibt es aus gutem Grund, denn auf dem Trästock gibt es keine Altersgrenze. Ein Festival ohne Grenzen, auf dem wirklich jeder willkommen ist. Flüchtlinge werden in die Freiwilligenarbeit eingebunden. Es gibt rollstuhlgerechte Podeste, die einen guten Blick auf die Bühnen bieten. Kinderprogramme locken Familien an, während Ausstellungen, Filmvorführungen und Lesungen kulturell Interessierten Abwechslung bieten. Bekanntheit erlangte das Festival allerdings durch sein musikalisches Angebot.

Schweden und seine Musiker

Neben einigen bekannteren Musikern treten vor allem noch unbekannte Bands aus der Region auf, die erstmals vor großem Publikum spielen. Auf diesen Bühnen wurde manch ein schwedischer Künstler bekannt – zumindest in Schweden. Hier ist wirklich für jeden Geschmack etwas dabei, denn die Bands decken die verschiedensten Stile ab. Die musikalische Bandbreite reicht von Pop, Rock und Hiphop über Death Metal, Hardcore und Punk bis hin zu psychedelisch-atmosphärischen Genres. Die Künstler kennen ihr Handwerk, was für Schweden allerdings nicht untypisch ist.

Schon im frühen Kindesalter werden erste Kontakte mit verschiedenen Instrumenten geknüpft. Die erste Klasse in der Grundschule nennt sich auch kulåret (das „Lustigjahr“). Hier stellen Musiklehrer einmal in der Woche verschiedene Instrumente vor, welche die Kinder ausprobieren dürfen. Ab der zweiten Klasse gehört der Instrumentalunterricht zum Stundenplan dazu und zusätzlich werden die Schüler in kommunalen Musikschulen gefördert. Diese Einrichtungen legen den Grundstein für den musikalischen Siegeszug vieler Schweden. Hinzu kommen die langen dunklen Wintermonate, in denen die Schweden eh nicht viel machen können. Sie treffen sich also und musizieren.

„Du bist so viel besser als du denkst“ | © Johannes Hansen

Ihr Können stellen die Künstler nun schon seit 1991 auf dem Trästockfestivalen unter Beweis. Während damals noch etwa 1.000 Besucher den Klängen der Musiker lauschten, sprengte die Besucherzahl 20 Jahre später die 30.000er Marke. Mittlerweile gibt es drei kleinere Bühnen, auf denen exotische Bands und andere Künstler auftreten, ein Circuszelt für die DJ-Kunst und eine Hauptbühne. Alle Bühnen tragen mehr oder weniger ausgefallene Namen wie Växthuset (das Gewächshaus), Norran (benannt nach einer lokalen Zeitung), Scenen (die Bühne) oder Snäckan (ein lokaler Begriff, der die Atmosphäre im Park beschreibt). Wenn wir nicht gerade in der Umgebung unterwegs sind, Bier trinken oder Essen im Wohnmobil zubereiten, dann stehen wir vor der Bühne im Växthuset. Hier treten Bands der Subkulturen auf: Metal, Punk und Rock. Das Festival hat sich zu einem der beliebtesten kulturellen Veranstaltungen in Nordschweden entwickelt. Es ist die Manifestation der nordländischen Rockszene und auf jeden Fall einen Besuch wert.

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